R. F. Kuang: Katabasis
Lob und Verriss - Der Podcast

R. F. Kuang: Katabasis

Sep 17, 2025
7:04
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About this episode

Liebe Leserinnen und Leser, vor knapp 2 Jahren wurde an dieser Stelle mit großer Begeisterung Rebecca F. Kuangs Werk " Babel. Or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translator’s Revolution " vorgestellt. R. F. Kuangs neuer Fantasyroman "Katabasis" ist eine neue Schrift in der Reihe der klassischen Höllenromane und -beschreibungen, die wir längst nicht alle gelesen, von denen wir aber immerhin die Titel und vielleicht noch eine Synopsis gehört haben: Dantes "Inferno", in dem der Schriftsteller selbst, geleitet vom Poeten Virgil, die Kreise der Hölle durchschreitet um am Ende der Hölle zu entfliehen. Oder auch die Geschichte von Orpheus und Eurydike, die weniger erfolgreich verlief, denn obwohl der Deal zur Wiederauferstehung von Eurydike klar war, musste sie doch zurückbleiben, weil sich Orpheus auf dem Weg nach draußen nach ihr umdrehte. Dann gibt es noch die Sage über Äneas, der nach dem Fall Trojas flieht und auf seinen Irrfahrten mit der Seherin Sybille in die Unterwelt hinabsteigt. Dies sind nur einige Beispiele über die Reise in die Unterwelt/Hölle/Hades/Inferno mit anschließender Wiederkehr. Und auch R. F. Kuangs Heldin in "Katabasis" - doch eher hemdsärmelig Alice Law genannt, wird nicht alleine in die Unterwelt reisen. Warum sie die Reise überhaupt plant: Alice arbeitet in Cambridge an ihrem Doktortitel. Für ihr Ziel (universitärer Erfolg und eine entsprechende Laufbahn) hat sie sich einen als "schwierig" geltenden Doktorvater herausgesucht: Prof. Jacob Grimes. Dessen Seele hat sie bei einem Experiment aus Versehen in die Hölle geschickt. Während des Experiments ist sein Körper explodiert. Danach hat sie ihre Spuren beseitigt und das Ableben des Professors wurde als tragischer Unfall eingestuft, weil das Pentagramm, in dem er sich befand, nicht ganz durchgängig gezogen war. Klingt vielleicht hanebüchen, macht aber Sinn: Alice studiert analytische Magie (im englischen Original hübsch als "Magick" statt des üblichen "Magic" bezeichnet) und ihr Professor wurde durch den Fehler im Pentagramm in die Hölle geschickt. Die eigentliche Katastrophe ist aber, dass Alice dessen Empfehlungsschreiben und ihren Doktortitel braucht, um den eingeschlagenen Weg der akademischen Karriere fortsetzen zu können. Es steht also ihre gesamte Karriere auf dem Spiel - und wenn man betrachtet, wie viel Zeit und Aufwand sie hineingesteckt hat, dann kann sie gar keine andere Wahl sehen: sie muss einen Weg finden, Prof. Grimes aus der Hölle zurückzuholen. Erfolgreiche Beispiele gibt es zuhauf: siehe die oben aufgeführte Literatur. Magick ist ein sich am Rande des universitären Betriebes befindlicher Forschungszweig, dessen große Tage hinter ihm liegen: die Erfindung des nie versiegenden Wassers oder des nie endenden Brotvorrates halfen einst, den Krieg zu gewinnen. Spätere als “Zirkus” verunglimpfte Experimente nahmen der Forschung das frühere hohe Ansehen. Funktionsgrundlage der Magick sind Paradoxe philosophischer und mathematischer Natur. Entscheidend für den Erfolg der Magick ist jedoch die Überzeugung, dass es funktioniert. Ein gerade heute im kapitalistischen Krisengeschehen nicht selten hochgelobtes Konzept: deine Einstellung (neudeutsch Mindset) entscheidet über den persönlichen Erfolg. Die Verquerung dieser Konzepte, die teilweise an den Neusprech von “1984” erinnern, ist die Grundannahme der Prinzipien des universitären Betriebs, insbesondere im Fachbereich der Magick: Verzicht ist Gewinn, Ausbeutung ist eine ehrenhafte Sache, die Herabwürdigung ist ein Kompliment. Unter diesen Annahmen, die den Beteiligten umfassend eingeimpft wurden, dauert es überraschend lange, bis es langsam ins Bewusstsein tröpfelt, dass diese ausbeuterischen, grausamen Verhältnisse etwas sind, bei dem man eigentlich gar nicht gewinnen, sondern nicht mehr mitmachen möchte. Aber gut, in den vergangenen Jahrhunderten gab es auch Zeiten, als Menschen als "gottgesandt" eingestuft wurden, 12-Stunden-Tage in der Fabrik als gottgegeben, der Platz einer Frau am Herd, aber niemals an der Universität, und als sich das dann änderte, ewige und große Dankbarkeit für die Brosamen erwartet wurde. Wie vermutet, ist die Welt, aus der Alice Law in die Unterwelt hinabsteigen möchte, keine schöne. Ihr Streben darin ist zweifelhaft, aber vielleicht verständlich, wenn man selbst drin gesteckt hat. Wenig überraschend kommt nun also noch ein anderer Doktorand hinzu, Peter Murdoch. Der hat eine ganz andere Motivation als Alice, aber es braucht (siehe die ersten Absätze) unzweifelhaft einen Gefährten, wenn man sich entschließt, sich auf den Weg in die Hölle zu machen. Wie dieser genau aussieht, und was eine*n erwartet, ist dabei ein Streitpunkt zwischen beiden. Quellen für ihre Standpunkte sind die literarischen Überlieferungen. Denn wenn diese existieren, ist dies der Beweis, dass es möglich ist, den Hades wieder zu verlassen. Die unterschiedlichen Wege sind alle möglich, die Reise wird unternommen. Die Erlebnisse genauer zu beleuchten wäre zu spoilern. Bui! Bleibt die Frage: ist es eine Empfehlung? Die einen sagen so, die anderen so. Persönlich hatte ich bei “Babel” mehr Erkenntnisse, Überraschungen, Genuss. Trotzdem: Empfehlung, denn warum denn nicht ein Fantasyroman, der Auswege zeigt, denn die Hölle: das sind die anderen (und wir sind dabei). This is a public episode. 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Episode Details

Author
Irmgard Lumpini
Show Type
full
Audio Format
audio/mpeg

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